Early Ätzend – Ich bin reizüberflutet

In den letzten Jahren lag mein Fokus vermehrt auf Spielkonsolen. Mangels Freizeit brauchte ich eine unkomplizierte und schnelle Lösung, welche meine Sucht befriedigt. Da bieten sich Konsolen eben an. Mit Shadow teste ich nun viele Games aus, welche ich bereits im Vorfeld besessen habe, oder mit denen ich die Möglichkeiten von Shadow austesten möchte. Dabei ist mir vor allem eins wieder bewusst geworden. Es herrscht ein eklatanter Mangel an qualitativ hochwertigen Content.

Bei der Suche nach einem Spiel, welches gerne auch langfristig zur Verschwendung meiner Freizeit eingesetzt werden kann, stolper ich inzwischen immer wieder über dieselben Reizwörter. Early Access, Sandbox, Battle Royale und Survival umreißen ganz gut, womit das Angebot geflutet wird.

Gegen Early Access habe ich als gelernter FIAE nichts. Es ist ein wunderbares Instrument für Entwickler, laufende Kosten im Rahmen zu halten und zugleich die Qualität des Produkts dank Feedback des Konsumenten verbessern zu können. Darum besitze ich massig Early Access Titel, in der Hoffnung, dass der jeweilige Entwickler dieses Finanzierungsmodell sachkundig nutzt. Die traurige Tatsache ist jedoch, das immer mehr Studios dieses Alphafunding nutzen, um die Cashcow Gamer erst fleißig zu melken, um sie im Anschluss hart zu fisten.

Jetzt haben Entwickler ja stets eine Idee im Kopf. Manch einer geht gewiss mit der Geisteshaltung an die Arbeit, den typischen Gamer schröpfen zu wollen. Wieso auch nicht? Der Markt ist profitabel und Erfolge zeigen, dass Taschen durchaus schnell zu füllen sind. Man wirft digital aufpolierten Edelkitsch auf den Markt, gibt sich Mühe mit dem Vertrieb und sobald man hat, was man wollte, werden die Koffer gepackt. Funktioniert in anderen Wirtschaftszweigen ja auch. Das Maximum was passieren kann, ist, das man als Entwickler für ein bis drei Tage in einschlägigen Medien zerrissen wird. Dann stampft man das Dingen eben ein und macht ein neues Studio auf.

Viele Entwickler haben nichtsdestotrotz grundanständige Intentionen, doch da scheitert es oftmals an der Idee. Man stelle sich vor. Ein Entwickler sitzt eines schönen Abends am Computer und denkt sich bei Chips und Cola, er könne ja mal ein eigenes Spiel auf die Beine stellen. Oft werden bei Eigenentwicklungen, geläufige Schemata adoptiert, um diese dann den eigenen Wünschen anzupassen. Was könnte man da nur nehmen? Welches Rad kann man neu erfinden? Richtig!

Battle Royale, diese „100 Spieler leben und nach puff, puff, puff ist es nur noch ein Spieler“ Shooter. Das hat die Welt noch nie gesehen! Und dank duzender, zahnspangentragender und Center Shock lutschender Bälger, gibt es anständig Kundschaft für einen weiteren Genrevertreter. Why?! Vielen der Titel, welche schlicht ein bekanntes, jüngst erfolgreiches Konzept kopieren, kann direkt eine kurze Lebensspanne prognostiziert werden. So wird es statt Early Access dann Early Ätzend.

Mit Apex Legends, Fortnite, PUBG, Darwin Project, H1Z1, Islands of Nyne, The Culling, SOS, Fear the Wolves, Ring of Elysium, Cuisine Royale gibt es ja nicht genug Sand am Meer, daher springen große Publisher mit Battle Royale Modi wie Battlefield Feuersturm oder Call of Duty Warzone auf den fahrenden Zug auf. Ernsthaft, früher nannte man diesen Spielmodus „Last Man Standing“, welchen es in vielen Shootern gegeben hat. Braucht es da noch einen Early Access Battle Royale Shooter dieser Machart!? Den Erfolg eines Fortnite wird es in dieser Form sicherlich nicht mehr geben, da der Markt schlicht übersättigt ist. Wieso konzentriert man sich nicht auf etwas Neues? Mit neu meine ich jetzt nicht, Battle Royale als Squad. Ich meine, eben etwas Brandneues.

Selbiges gilt für das Genre der Survival Shooter. Persönlich habe ich mich auf Deadside gefreut. Ernüchternd stellt man jedoch fest, dass es wieder ein Early Access Survival Shooter ist, welcher zudem aussieht wie viele andere Vertreter dieses Genres, beispielsweise Escape from Tarkov. Letzteres habe ich btw bereits im Dezember 2015 vorbestellt. Ich habe das Gefühl, gute Spiele werden einfach nicht mehr fertig. Sie reifen mehr denn je beim Kunden. Das ist nicht zwangsweise schlimm oder verwerflich. Allerdings fühlt man sich vereinzelt schon verarscht.

Man stelle sich vor, am eigenen Arbeitsplatz würde man nach dem Early Access Finanzierungsmodell arbeiten. Der Brotgeber bezahlt im Vorfeld und die Belegschaft überlegt sich, wann und wie sie ihre Tätigkeit aufnimmt, um Resultate zu liefern. In der Pommesschmiede seines Vertrauens wird dann etwa der Taxi-Teller mit Gyrus, Currywurst und Fritten dem hungrigen Kunden serviert. Dann fällt der pfiffigen Servicekraft ein, man könnte die Portion um ein paar Pommes und etwas Gyrus beschneiden. Damit dieser Wegfall nicht frappiert, bekommt der Kunde einen erbärmlichen Salat dazu. All das geschieht im Livebetrieb, sprich während der Kunde bereits beim Essen ist. Super, oder nicht?

Bitte, bitte nicht falsch verstehen. Ich höre schon die Döskoppe, die stets patriotisch und amnestierend grölen „hm, ja, aber du bist ja dumm, das ist Early Access“ oder „ey man, das sind nur drei Entwickler, da muss man Verständnis für haben du Kek“. Solche Leute haben einen Lattenschuss oder einst beim Koitus der Erziehungsberechtigten Luft gezogen. Early Access ist keine allround Rechtfertigung! Man darf als Verbraucher mindestens das erwarten, was zum Launch in den Early Access beworben wurde. Alles andere ist Schmu, welchen man etwa beim Bäcker auch nicht billigen würde. Bestelle ich 10 Brötchen in der Bäckerei, bekomme jedoch lediglich 5 zum Preis der bestellten 10, dann mache ich doch auch den Mund auf und möchte entweder die fehlenden Schrippen, oder aber die Patte zurück. Und da geht es vielleicht um 1,50 Euro und nicht um Summen bis zu 60 Euronen.

Sandbox MMO’s sind diesbezüglich auch ein Fall für sich. Es gibt MMORPG’s, welche vom Content her derart gut sind, das selbst alte Schinken noch immer bevorzugt gespielt werden. So etwas EverQuest 2 (1999) oder Ultima Online (1997). Auch Blizzard hielt den Unkenrufen nicht stand und ruderte mit World of Warcraft Classic zurück. Ein findiges Kerlchen sollte also blicken, wo es einen unbefriedigten Markt zu beglücken gäbe. Würden ein paar gute und erfahrene Entwickler koalieren, um gemeinsam an einem Projekt zu arbeiten, welches von einem Publisher mit Weitblick versilbert wird, dann hätten diese über Jahre ausgesorgt.

Die Klassifizierung Sandbox MMO steht für mich inzwischen oft – nicht immer – für Games, deren Entwickler nicht dazu in der Lage sind, Spielern wirklichen PvP und/oder PvE Content zu bieten, weshalb sie den Spieler im Sandkasten mit ihren Förmchen alleine werkeln lassen. So wird dann ein Early Access Sandbox MMO wie beispielsweise Albion Online, ein kostenlos spielbarer Free2Play Titel, welcher von wenigen für die breite Masse vorfinanziert wurde. Die Weiterentwicklung des Sandbox MMO Landmark wurde sogar nach schlappen 12 Monaten eingestellt. Letzteres ist im Zusammenhang mit EverQuest Next ein Beispiel dafür, wie es nicht laufen sollte.

Doch bei meiner eingangs erwähnten Suche nach einem Zeitfresser, bin ich nicht nur über Early Access Spiele gestolpert. Die großen Publisher stehen den kleinen Studios in nichts nach. Kurzzeitig hegte ich vor Langeweile den Gedanken, mir Tom Clancy’s Ghost Recon Breakpoint für den PC zuzulegen. Ich besitze diesen Titel leider bereits auf der PS4. Mich hätte lediglich interessiert, wie das Zock auf dem PC rüberkommt. Doch ganz ehrlich, Breakpoint ist kein Game! Brakepoint ist ein soziales Experiment, um festzustellen, wie leidensfähig Spieler sind und wie lange sie sich verarschen lassen, bevor sie endgültig die Brocken schmeißen. Das Spiel können nur Hardliner, Lobhudler und Tatsachenverdreher toll finden, welche über genug finanzielle Mittel verfügen, um diese zum Fenster hinaus werfen zu können.

Aber gut, jetzt habe ich mich reichlich ausgekotzt. Fakt ist, bezogen auf meine Person, ich scheine vollkommen reizüberflutet zu sein. Ich empfinde es derzeit als echt schwierig, im mannigfaltigen Angebot die eine Perle zu entdecken, welche mich langfristig beschäftigt. Ein MMORPG wie Ashes of Creation, könnte ein Ausweg sein. Aber das ist noch lang hin. Warten wir mal ab. Dank Corona-Krise hat man an den Wochenenden ja viel Zeit, um sich mit dieser Thematik beschäftigen zu können. In diesem Sinne, bleibt gesund!

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