Warum? Barnum!

„Jeder soll nach seiner Façon selig werden.“ Schon der alte Fritz wusste Duldsamkeit zu schätzen. Wer aufgeschlossen lebt, bietet im Endeffekt weniger Konfliktpotential. Da ich gerne mal der Katze auf dem Schwanz trete, will ich einleitend folgendes anführen. Grundsätzlich ist es mir vollkommen egal, wer was für ein Faible hat, wofür sich jemand interessiert, womit wer sein Geld verdient oder wie er lebt. Dennoch muss ich nicht alles befürworten und darf mir dessen ungeachtet eine Meinung bilden.

So steht es meinem Gegenüber ohne Frage stets frei, auch seine Ansicht zu äußern. Solange niemand versucht, mich zu nötigen, indem man mich missioniert, mir etwas aufzwingt, oder fernab von jeder Schlüssigkeit und Faktizität für gut verkauft, habe ich damit keinerlei Probleme. Im Umkehrschluss bedeutet dies ganz schlicht, akzeptiere ungeachtet jedweder Diskussion meine Meinung, so erkenne ich auch die Deine an. Nun zum eigentlichen Thema.

Möglicherweise sind Dir nachstehende Wesenszüge bekannt. Du gehörst zu den Personen, welche nicht alles unbewiesen hinnehmen. Du hinterfragst, prüfst kritisch und informierst Dich. Du gehst nicht gerne große Risiken ein, dennoch bist Du direkt, zielstrebig und weißt genau, was Du willst. Du gehörst zu den Menschen, welche Abwechslung und Veränderungen bevorzugen und lässt Dich nicht durch Verbote und Beschränkungen einengen, denn Du bist ein Freigeist. Dennoch gibt es Situationen in Deinem Leben, in denen Du Dich fragst, ob Du die richtige Entscheidung getroffen hast, denn aktuell steht eine Veränderung in Deinem Leben an.

Erkennst Du Dich in dieser Beschreibung wieder? Sie könnte von einer Wahrsagerin stammen, welche Dir das Gefühl vermittelt, viel über Deine Person zu wissen, obwohl sie Dich nicht kennt. Auf die eine oder andere Weise spooky, oder? Nicht ganz. Derart universelle Aussagen treffen auf beinahe jede Person zu und wirken aufgrund dessen sehr charakteristisch. Faktisch sind diese Äußerungen auffallend allgemein und mehrdeutig zu interpretieren, wodurch sie auf jede beliebige Person anwendbar sind. In Teilen sprechen derartige Aussagen das Wunschdenken an. Man erzählt seinem Gesprächspartner lediglich, wie er selbst von Dritten wahrgenommen werden möchte. Ob die Ausführungen dabei der Wahrheit entsprechen, ist vollkommen irrelevant. Wichtig ist nur, dass das Gegenüber die Aussage als korrekt erachtet und ihr zustimmt.

Ein Beispiel. Jeder glaubt von sich selbst, eine eher kritische Person zu sein. In der Realität sieht dies jedoch meist anders aus. Warum nutzt Du Facebook? Wieso benutzt Du WhatsApp? Jeder weiß, dass diese Datendiebe nichts Gutes im Schilde führen. Dieser Umstand wird nur von den wenigsten kritisch hinterfragt, und die Nutzung anhand von schwacher Argumentation gerechtfertigt. Zu guter Letzt haben wir ja alle nichts zu verbergen, nicht wahr?!

Oder das Thema Unsicherheit. Jeder erlebt Konstellationen, in denen man sich eines Entschlusses nicht sicher ist. Daher können wir die für uns passende Situation in eine allgemein gehaltene Aussage hineininterpretieren. „Ich sehe da eine Entscheidung, da steht etwas an!“ Eine typische Behauptung, wodurch ein Kartenleger scheinbar irgendetwas über uns zu wissen scheint. Tatsächlich jedoch stehen bei jedem von uns täglich Entscheidungen an.

Im Gegensatz zum Kartenlegen an sich, gibt es für die oben beschriebene Technik und die daraus resultierende psychologische Auswirkung eine Bezeichnung. Dass die Methodik der universellen Aussage funktioniert, liegt am sogenannten Barnum-Effekt.

Der Barnum-Effekt ist ein Begriff aus der Psychologie. Er bezeichnet die Neigung von Menschen, vage und allgemeingültige Aussagen über die eigene Person so zu interpretieren, dass sie als zutreffende Beschreibung empfunden werden. Dieses psychologische Phänomen wird auch als Forer-Effekt oder Täuschung durch persönliche Validierung bezeichnet. (Wikipedia)

Weiterhin ist Wikipedia Folgendes zu entnehmen. „Allen Barnum-Aussagen ist gemeinsam, dass es ihnen an Objektivität und Falsifizierbarkeit mangelt. Sie betonen vor allem Aspekte, die allen Menschen gemeinsam sind, oder Eigenschaften, die alle Menschen gerne besitzen würden.“

Menschen, welche begründet durch Sorgen, Trauer, Nöten, Ängsten und zusätzlichen Problemen empfänglich für Barnum-Aussagen sind, fühlen sich etwa durch Kartenleger oft bestätigt. Ihre scheinbar positive und exklusive Erfahrung mit dem bevorzugten Kenner der Kartenlegekunst, teilen diese Personen im Freundes- und Bekanntenkreis gerne. Grad in sozialen Netzwerken, wo viele ihre positiven Erfahrungen teilen, kommt es zu einem weiteren Effekt. Größere Gruppen sind impulsiv, leichtgläubig und beeinflussbar. Die Kritikfähigkeit des Einzelnen wird in der Masse eingebüßt und unterliegen fast einem hypnotischen Zustand. Meinungsbildung, initiiert durch geistige Ansteckung. Logisches Denken ist kaum vorhanden.

Was ich damit meine? Tritt beispielshalber einer Facebook-Gruppe von vermeidlich spirituell talentierten Menschen bei und erklärt denen durch die Blume, das sei doch alles Hokuspokus und Scharlatanerie. Dann klinkt sich der Esprit bei vielen aus und selbst wenn jedem insgeheim weiß, dass er empfänglich für Barnum-Aussagen ist, wird ein Shitstorm entfacht. Sobald der erste Stein geworfen ist, breitet sich eine Welle der Empörung aus. Diesen Effekt beschreibt Gustave Le Bons bereits 1895 in seinem Buch Psychologie des foules – Psychologie der Massen.

Ich selbst nutze eine Kombination psychologischer Tricks beruflich. Bei mir nennt sich dies Social Engineering. Ich wende Barnum-Aussagen an, um meinem Gegenüber Honig um den Mund zu schmieren, mir Vertrauen zu erschleichen, mich zu legitimieren und dadurch im Rahmen sogenannter Penetration-Tests beispielsweise die Sicherheit eines Unternehmens zu prüfen. Aufgrund dessen ist mir durchaus bekannt, wie manipulativ man auf Menschen einwirken kann, sei es bewusst oder unbewusst.

Wieso ich diese Thematik aufgreife? Meine Partnerin beschäftigt sich mit spirituellen Themenstellungen etwa der Lichtarbeit, Reiki oder dem Kartenlegen. Sie ist in ebendiesen Bereich selbstständig tätig und ihr kleines Unternehmen wächst rasant, was ich als äußerst positiv empfinde. Es ist ihre Passion und das erachte ich als vollkommen in Ordnung. Sie hat ihr Hobby zum Beruf gemacht, was kann es schöneres geben?!

Es gibt mannigfaltige Dinge, mit denen Menschen sich in ihrer Freizeit beschäftigen und darunter befinden sich ebenso bizarre Hobbys wie das Kartenlegen, etwa LARP. Doch Arbeit ist Arbeit und Schnaps ist Schnaps. Wenn diese Thematik immer mehr Einzug in das Privatleben hält, empfinde ich dies als störend, bedenklich und gefährlich. Esoterik, Spiritualität, dieser ganze Komplex darf nicht den Alltag bestimmen und allgegenwärtig werden, denn diese nicht fassbaren und rational nicht erklärbaren transzendenten Welten, haben absolut nichts mit der Realität zu tun, in der wir alle leben.

Beispiel? Ich selbst bin, beziehungsweise war Krebspatient. Ein benigner Tumor sorgt zudem seit Monaten für Rückenschmerzen, eine OP steht aus. Wenn meine Partnerin dann glaubt, mittels Energieaustausch, Reinigung von Chakren oder ähnlichen für Linderung zu sorgen, weiß ich nicht, wie ich dem entgegnen soll. Es ist schlicht eine Farce. Viele spirituelle Menschen, sind nicht grad religiös und fassen etwa den Katholizismus als lächerlich auf. Doch selbst schreiben sie sich die Fähigkeiten eines Jesus Christus zu und versuchen durch Handauflegen etwas zu bewirken. Gäbe es Menschen mit derartigen Fähigkeiten, wären Krankheiten wie Krebs, AIDS oder COVID-19 längst Geschichte.

Ich will spirituelle Tätigkeiten an sich nicht verteufeln. Grad in Corona-Zeiten verstehe ich es, wenn sich etwa einsame Menschen bestätigen oder beraten lassen wollen. Und sei es nur, um überhaupt mit jemandem ein Gespräch zu führen. Einen daraus resultierenden Plazebo-Effekt fasse ich nicht negativ auf. Wieso auch? Spirituelle Arbeit ist nichts anderes als Seelsorge. Doch ein exemplarischer Kartenleger, sollte sich seiner Verantwortung stets im Klaren sein, denn in der Regel wird diese Dienstleistung von zwei Arten Mensch in Anspruch genommen. Die eine sucht den Spaß auf dem Jahrmarkt und Unterhaltung. Die andere ist leichtgläubig und häufig psychisch angeschlagen oder verzweifelt.

Bei letzterer Gattung empfinde ich es als äußerst gefährlich, wenn jemand ohne qualifizierte Berufsausbildung psychologische Beratungen oder Lebensberatungen gibt – oft auch, ohne das eigene Leben im Griff zu haben. Und qualifiziert bedeutet für mich in diesem Kontext nicht, ein 0815 Zettel, welchen man sich auf eBay kauft, sondern eine anerkannte, berufliche Ausbildung. Ein Studium der Psychologie erfolgt an einer Hochschule und nicht auf Youtube, TikTok und Instagram. Nicht selten wandern Menschen auf spirituellen Pfaden, um sich selbst und das eigene Verhalten zu verstehen. Das ist auch vollkommen in Ordnung. Doch nur weil man sich dadurch gegebenenfalls gefunden hat, bedeutet dies nicht, dass diese Erkenntnis im Gegensatz zum Barnum-Effekt universell ist.

Was will ich mit meinem Gefasel denn effektiv aussagen? Im Kern möchte ich klarstellen, dass ich jedem Menschen sein Ding machen lasse und auch gönne. Ich hingegen bin konfessionslos, ein Ungläubiger. Ich lebe in der Realität und glaube zumindest logisch nachvollziehbar zu denken. Wenn ich schon nicht an die wundersamen Fähigkeiten von Gottes Sohn auf Erden glaube, dann erst recht nicht an spirituelle Geistesgaben selbsternannter Lichtarbeiter, Hexen, Medien und Hobby-Psychologen. Das ist nicht meine Welt und ich möchte nicht in diese Sphäre gepresst werden.

Neben der immateriellen Welt existiert unstrittig der Boden der Tatsachen im hier und jetzt, auf welchem ich mich alltäglich bewege. Nur diesen gilt es zu meistern. Ich lebe weder in einer Scheinwelt, noch in der Matrix. Wenn ich der Realität entfliehen möchte, um in die Rolle eines Druiden oder Hexendoktors zu schlüpfen, dann zocke ich World of Warcraft oder Diablo. Nach Beendigung des Spiels bin ich jedoch wieder in der realen Welt und bleibe nicht auf einem Trip hängen.

Spirituelle Menschen suchen Akzeptanz für das, was sie tun. Ich fasse es als verwerflich auf, wenn mir dieses Entgegenkommen abverlangt wird, ohne im Gegenzug zu akzeptieren, das dies eben nicht meine Welt ist. Ich komme mir dann immer vor, als wenn mir einer dieser weltoffenen und ach so toleranten Veganer versucht, mir seinen selbstauferlegten Lebensstil zu diktieren und mir subtil zu suggerieren, ich sei ein mieser Typ, da Tiere durch meine Lust auf Fleisch leiden. Merkwürdigerweise sind immer die Menschen intolerant, welche Liberalität, Offenheit und Verständnis einfordern. Aber das wäre Stoff, für einen meiner künftigen Ergüsse. In diesem Sinne bleibt gesund und denkt dran, jeder so, wie er mag.

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